Davos

ELITE OHNE NOBLESSE ?


IMAS-Report Nr. 2 /Februar 2017

Weltwirtschaft am sozialen Pranger:  Die Bevölkerung fürchtet den Einfluss von Konzernen und Banken –  Kritik am schrankenlosen Gewinnstreben –  Elite steht unter Generalverdacht

Die demoskopische Begleitmusik zum heurigen Weltwirtschaftsforum, das rund 3000 Teilnehmer aus Industrie, Handel und Dienstleistungen nach Davos gelockt hatte, klang nicht gerade fröhlich. Die Noblen aus der Wirtschaftswelt mussten aus den Ergebnissen einer internationalen Studie zur Kenntnis nehmen, dass die Menschen in 28  Ländern ihr Vertrauen in Manager, Politiker und Institutionen mehrheitlich verloren haben. Nur noch 37 Prozent der Bewohner halten im Schnitt die Vorstandsvorsitzenden von Unternehmen für glaubwürdig. Auch an den Institutionen nagt der moralische Zweifel.

Die Befunde decken sich in ihrer Tendenz  mit den Beobachtungen des Münchner IMAS-Instituts. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass jeweils 37 Prozent der Deutschen den internationalen Konzernen und Banken einen bestimmenden Einfluss  auf das künftige Wohl und Wehe der Bevölkerung zuordnen. Der mystifizierten Macht von Wirtschaft und Geld wird von der Bevölkerung letztlich ein ungleich größeres Gewicht beigemessen als den Medien, den Vereinten Nationen, den Gewerkschaften, Kirchen und Glaubensgemeinschaften. Die Bundesbürger sind über diese Situation zutiefst besorgt und würden sie im Grunde gern verändern.

Die Faktenlage besagt, dass deutsche Manager 54mal so viel verdienen wie Angestellte von DAX-Konzernen. Im Schnitt kassierten die Manager für das Geschäftsjahr 2014 rund 3,4 Mio Euro. Als Spitzenverdiener galt bislang Martin Winterkorn (VW), der im Vorjahr eine Gesamt-vergütung von 16 Mio Euro auf seinem Konto verbuchte. Inzwischen erhält er ein Ruhegehalt von 1,2 Mio € pro Jahr. Auch in der österreichischen Wirtschaft können sich die Abgeltungen der Chefs sehen lassen. So durfte sich beispielsweise der vom Öl- und Gaskonzern OMV vorzeitig ausscheidende Chef Gerhard Roiss über eine Abfertigung von 6,35 Millionen Euro plus Boni und fetter Pension freuen. Dennoch liegen die deutschen und österreichischen Managerbezüge deutlich unter denen in den USA. Microsoft-Boss Nadella schaffte 2014 beispielsweise 63,4 Millionen Euro, inklusive der Aktienpakete, auf die er zugreifen kann.

Wann ist genug?

Es entspricht sicherlich nicht dem Naturell der wirtschaftlichen Wagenlenker, ihre Einkünfte selbst bei Erfolglosigkeit als ungerechtfertigt zu empfinden. Das Verhalten des US-Milliardärs  Andrew Carnegie, der vor mehr als hundert Jahren erklärte „Wer in Reichtum stirbt, stirbt in Schande“ und sein Riesenvermögen dann in Stiftungen für wohltätige Zwecke umwandelte, hat einstweilen nur wenige Nachfolger gefunden. Zu denen, die sich durch Selbstzweifel bemerkbar machten, gehört der  Unilever-Boss Paul Polman. Seine trockene Feststellung „Ich verdiene zu viel“ wirkte angesichts seines Jahreseinkommens von rund 10 Mio € für den Normalbürger in der Tat sehr plausibel, im Kreis der Standesgenossen dürfte sie hingegen auf wenig Zustimmung gestoßen sein. Mit verdrossenen Mienen wird man in den Chefetagen auch die Ansicht des Holländers zur Kenntnis genommen haben, dass extrem hohe Gehälter aus Managern keine besseren Unternehmensführer machen.

Wann kann man eigentlich von einem sinnvollen Verhältnis des Einkommens zwischen „Oben und Unten“ sprechen? Über dieses Problem  wurde schon in der Antike nachgedacht. Platon sah die zulässige, verträgliche Grenze der Ungleichheit im 3-4-fachen der einfachen  Bürger. Mit dieser Ansicht hätte würde der griechische Philosoph heute allerdings belächelt werden.

Symbolhaftes Systemversagen

Es ist außer Zweifel, dass die breite Kluft zwischen den Spitzeneinkommen und dem Lohnniveau der Normalbürger in der Bevölkerung tiefen Verdruss bewirkt. Schon vor fünf Jahren erklärten 47 Prozent der Erwachsenen dem IMAS: „Das Gewinnstreben in der Wirtschaft hat unmenschliche Züge angenommen“. Jeder Dritte zählt laut IMAS das schrankenlose Gewinndenken zu den großen Bedrohungen und Zukunftsgefahren.

Das IfD-Allensbach registrierte in diesem Zusammenhang eine seit Jahrzehnten sinkende Bereitschaft, soziale Ungleichheit hinzunehmen. In einem IfD-Kommentar hieß es, Reichtum werde kaum weniger als die Armut als ein bekämpfenswertes Übel betrachtet.

Dem Erscheinungsbild der Manager kommt in der gegenwärtigen Situation eine große Bedeutung zu, da sie von den Medien gewöhnlich als prototypisch für die Elite dargestellt wer-den. Nach Ansicht von Benedikt Herles sind entartete Verhaltensweisen von Managern da-bei, der Gesellschaft als Ganzes zu schaden. Herles, der selbst eine hochkarätige Wirtschaftsausbildung durchlaufen hatte, kritisiert in seinem Buch „Die kaputte Elite“ mit scharfen Worten, dass  junge Manager schon im Studium auf materielle Gier eingeschworen wer-den. Bei all dem stellt sich freilich die Frage, ob die Einengung des Elitebegriffs auf eine einzige Berufsgruppe gerechtfertigt ist.

Spurensuche nach den Eliten

Elite hat im Laufe der Jahrhunderte die verschiedensten Deutungen erfahren, die zumeist mit Macht, Einfluss und Militär zusammenhingen. In der jüngeren Vergangenheit wurde Elite auch mit organisierten Sozialsystemen in Zusammenhang gebracht  wie „Eliteschulen“, „Eliteuniversitäten“, „Führungskader“ u.a. Dazu kommen Vereine oder Verbände, die ihre Mitglieder einem Ausleseverfahren unterziehen, wie etwa die Rotarier.

In den modernen Gesellschaftswissenschaften hat sich zum Losungswort „Elite“ der erweiternde Begriff „Oberschicht“ gesellt. Ziemlich uneinig ist man sich allerdings über das statistische Volumen dieser Kategorie. Da gibt es Autoren, die nur Top-Managern  und Spitzen-politikern die Logenplätze in der Gesellschaft zugestehen, andere (wie etwa die Verfasser der Mannheimer und Potsdamer Elitestudien), legen dem Kreis der Auserwählten die willkürlich gewählte Zahl von Personen (4000 in Deutschland) zugrunde. Wieder andere (Dahrendorf, Moore, Kleining) bestimmten den Anteil der Elitären anhand von ebenfalls spekulativen Verhältniszahlen zwischen 1 und 5 Prozent der Bevölkerung. Wo die Abgrenzung zur Masse liegt, ist letztlich Ermessenssache. Wenig befriedigend ist es in jedem Fall, bei der Zugehörigkeit zur Elite ausschließlich sozialstatistische Rangabzeichen und nicht auch bestimmte Verhaltensweisen zu berücksichtigen.

Eliten früherer Zeiten entwickelten in der Absicht, sich abzugrenzen, einen speziellen Habitus. Identitätsstiftend waren Adelsprädikate, bestimmte Kleidungen, Wohnstile oder die Zugehörigkeit zu auserwählten Regimentern, Circles oder Vereinigungen. Natürlich hatte die Abschottung nach „unten“ auch negative Folgen wie Arroganz, Überheblichkeit oder Dekadenz. Dennoch sollte man die Vorzüge des „noblesse oblige“ für die Welt von gestern – (beispielsweise in Form von Mäzenatentum) – nicht unterschätzen. Vor allem das England des 19. Jahrhunderts lieferte dafür eindrucksvolle Bestätigungen, indem es das Gentleman-Ideal in Public schools und Colleges zum Erziehungsziel erhob. Der Begriff „gentlemanlike“ wurde geradezu zum Synonym für Ehrenhaftigkeit und Anständigkeit.

Verlorenes Normenbewusstsein

Von Gesellschaftskritikern wird zumeist ins Treffen geführt, dass es heutzutage in Wirtschaft, Kultur, Wissenschaft und Politik zwar Personen mit augenscheinlich elitären Merkmalen, jedoch kein verbindliches Verständnis für ein modernes und gesellschafts-adäquates Eliteverhalten gibt. Man erkennt sich an gewissen Rangabzeichen – Titeln, Funktionen, Einflussmöglichkeiten – aber man hat kein Gruppengefühl und folgt keinen unausgesprochenen Verhaltensnormen, keinem „gewissen Etwas“ , das Raffgier, soziale Rücksichtslosigkeit und andere Untugenden von vornherein ausschließt.

Elite kann sich im Grunde in verschiedenartiger Weise bekunden: durch Besitz, Einkommen, hohe soziale Positionen, Bildung, politischen Einfluss, familiäre Herkunft und Lebensart. Unabdingbar ist es, dass sie sich nicht im Streben nach finanzieller Macht und Einfluss er-schöpft. Zweck des Daseins ist nach Ansicht der Kritiker nicht die Optimierung des Genusses, sondern  die erfüllte Pflicht gegenüber der Gemeinschaft. Was unsere Zeit benötigt ist die sittliche Idee im Sinne Kants. Zu reformieren ist demnach weniger das System als die Moral.

 

Titelfoto von:
Mattias Olsson