REVOLUTION DES WISSENS: SEGEN ODER GEFAHR?


IMAS-Report Nr. 6 /Oktober 2016

Jeder Zweite schwankt im Urteil zwischen Hoffnung und Furcht – Das Befinden in der modernen Berufswelt hat entscheidenden Einfluss auf das Lebensgefühl.

Nicht wenige müssen bereits vor Fünf aus den Federn, um rechtzeitig am Arbeitsplatz zu erscheinen. Bald darauf wälzen sich Kolonnen von Pendlern in ihren Autos in Richtung der großen Städte und Ballungszentren, denn dort vor allem gedeihen die Jobs. In den Städten selbst beginnt der Tag mit überfüllten Straßenbahnen oder Bussen. Am Arbeitsplatz dann kurze Begrüßung, ein paar flüchtige Worte mit Kollegen. Der Rest ist volle Konzentration auf eine berufliche Tätigkeit, die nach fester Überzeugung der Bevölkerung heute anspruchsvoller ist, als in früheren Zeiten. Genau genommen, waren es 63 Prozent der Deutschen, die in einer Umfrage des Münchner IMAS-Instituts erklärten, man müsse heutzutage im Beruf mehr leisten als vor zwanzig oder 30 Jahren; nur 7 Prozent tippten auf „weniger“.

Ist das Wissen eher Segen oder Gefahr?

Der massive Eindruck eines verstärkten Leistungszwangs erklärt sich aus dem Respekt, aber auch der Scheu der Bevölkerung vor den atemberaubenden Zuwächsen an technologischem Wissen und der Digitalisierung. 26 Prozent der Erwachsenen betrachten die neuen Technologien als einen Segen; praktisch gleich viele (25 Prozent) sehen sie als Gefahr. Furcht und Hoffnung verteilen sich in der Bevölkerung also in einem Verhältnis von 1:1. Am schwersten wiegt jedoch die enorme Unsicherheit der Bevölkerung bei der Einschätzung des Problems, das unseren privaten und beruflichen Alltag wie kaum ein anderes umgestalten wird. Faktum ist, dass jeder zweite Erwachsene außerstande ist, eine klare Antwort darauf zu geben, ob die Moderne ein freundliches oder böses Gesicht hat.

Überzeugt vom Segen der Entwicklung ist in erster Linie die junge Generation. Die Vorstellung von Gefahr verbindet sich vor allem mit einfacher Bildung und einem höheren Lebensalter.

Tabelle1

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Ebenfalls zu einem Remis führen die Antworten, wenn die Frage darauf abzielt, wie man zur rasanten Technologisierung des Berufslebens steht. 43 Prozent der Erwachsenen gefällt diese Entwicklung gut, 39 Prozent finden daran allerdings keinen Geschmack. Bei näherer Betrachtung der Befunde stößt man auf geradezu diametrale Gegensätze innerhalb der Altersgruppen und Bildungsschichten. Demgemäß manifestiert sich die Freude am Siegeszug der Technik im Berufsleben bei den Angehörigen der jungen Generation in einer Hinweisquote von 65 Prozent, bei den Senioren beträgt sie hingegen nur 29 Prozent. Akademiker und Abiturienten sind zu 56 Prozent ihrer Zahl von der Entwicklung angetan, Personen mit einfachster Bildung jedoch zu lediglich 28 Prozent.

Fast reziprok verhalten sich die Antworten der beruflich Aktiven zu denen, die nicht im Berufsleben stehen. Bei den Berufstätigen überwiegt die Befürwortung der Technisierung des Alltags mit 51:31 Prozent, bei den nicht Berufstätigen lautet das Verhältnis 32:49 Prozent zugunsten der Skepsis.

Tabelle 2

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Die analytische Betrachtung einer Reihe von Querverbindungen zu diversen Einstellungsfragen führte zur unbestreitbaren Erkenntnis, dass die Gesamtbeziehung zu Computern und Technologien das Lebensgefühl der Menschen grundlegend beeinflusst: Personen, die den neuen Technologien und der Digitalisierung positiv gegenüberstehen, erleben auch die Gegenwart freundlicher als technologisch Unbedarfte und Widerstrebende.

Die große Explosion steht noch bevor

Es wäre freilich voreilig, aus diesen demoskopischen Befunden den Schluss zu ziehen, dass die digitalen Hexereien zugleich als sozialpsychologische Wunderdroge wirken und in der Bevölkerung Glücksgefühle auslösen nach der Logik: Je mehr Technik und Digitalisierung, umso besser die Stimmung und das mentale Wohlbefinden. Zum einen ist die Sympathie für die Technisierung des Berufslebens, wie erwähnt, ein Korrelat zu niederem Lebensalter und hoher Bildung, zum anderen hat der explosionsartige Zuwachs an neuem Wissen nach Ansicht der Experten seinen Höhepunkt noch längst nicht erreicht. Damit sind auch die Automatisierungseffekte im Öffentlichen Bewusstsein noch nicht voll zum Tragen gekommen. Die Teilung der Arbeitswelt in eine Minderheit von qualifizierten und eine Mehrheit von weniger qualifizierten und somit überflüssig werdenden Arbeitnehmern steht noch am Anfang des Transformationsprozesses.

Der heutige Zustand der Berufswelt

Einen Eindruck vom derzeitigen Stand der Dinge liefern die Antworten der Berufstätigen. Von ihnen berichteten zunächst rund 60 Prozent, dass ihre Betriebe oder Dienststellen zumindest „ziemlich große“ Anstrengungen unternommen haben, um Arbeitsabläufe durch Computer oder andere neue Technologien einfacher, schneller und kostengünstiger zu gestalten. Nur bei einem guten Viertel der Auskunftspersonen war das nicht der Fall.

37 Prozent der Berufstätigen gaben zu Protokoll, dass sie selbst ständig irgendwelche Technologien bedienen, weitere 45 Prozent tun dies gelegentlich. Lediglich 17 Prozent der Berufstätigen sind ganz und gar technologieabstinent. Frauen sind im allgemeinen weniger mit Technologien befasst als Männer. Innerhalb der Altersgruppen gibt es hinsichtlich des persönlichen Umgangs mit modernen Dingen relativ geringe Unterschiede, große hingegen innerhalb der Bildungsgruppen: Abiturienten und Akademiker sind zu 67 Prozent mit neuen Technologien befasst, einfach gebildete Personen nur zu 20 Prozent.

Technologien und Sicherheitsgefühl

Knapp drei von vier der Berufstätigen schätzen ihren Arbeitsplatz im großen und ganzen als gesichert ein, lediglich 17 Prozent fühlen sich allerdings „sehr sicher“. Ein gutes Fünftel der deutschen Berufstätigen bangt nach eigenem Bekenntnis um die existentielle Sicherheit. Überdurchschnittlich groß ist das Sicherheitsgefühl bei den Abiturienten und Akademikern, deutlich geringer bei den Angehörigen der einfachsten Schicht. Mindestens jeder vierte der einfach gebildeten Personen hat Sorge, seine Stelle zu verlieren.

Ein sehr starker Zusammenhang besteht zwischen Sicherheitsgefühl und Nutzungsintensität
neuer Technologien: Personen, die ständig mit neuen Technologien zu tun haben, verspüren ein bedeutend stärkeres Gefühl der existentiellen Geborgenheit als Beschäftigte ohne Technologiebezug.

Schwieriger Umstieg auf ganz neue Tätigkeit

Indes gilt es im Diskurs über die Zukunft längst als eine Binsenweisheit, dass die Berufswelt
von morgen ein Höchstmaß an Flexibilität und Anpassungsfähigkeit an die technologische Entwicklung erfordert. Aus allen Ecken tönt die Empfehlung, sich auf den Umstieg auf alternative Berufe vorzubereiten. Wie steht es damit?

Die einschlägigen Ergebnisse der IMAS-Studie sind ernüchternd: Für eine absolute Mehrheit von 53 Prozent aller aktiv im Arbeitsleben stehenden Deutschen wäre es nach eigener Einschätzung schwer, auf eine ganz andere berufliche Tätigkeit umzusatteln, falls das zur Absicherung der eigenen Existenz nötig wäre. Darunter befinden sich 14 Prozent, denen ein solcher Zwang große Probleme bereiten würde. Knapp zwei Fünftel der Berufstätigen würden den Umstieg auf eine ganz andere Tätigkeit nach eigenem Urteil einigermaßen mühelos bewältigen, nur 6 Prozent fiele das nach eigener Einschätzung „gar nicht schwer“.

In positiver Auslegung dieser Befunde ließe sich folgern, dass das Gros der Arbeitnehmer die Folgen der Automatisierung vielleicht noch wenig zu spüren bekam und den Roboter einstweilen eher als einen Kollegen, denn als einen Konkurrenten betrachtet. Dies ändert allerdings nichts an der Gewissheit, dass die notwendige Elastizität der Berufstätigen für den Reflex auf die erst beginnenden Umbrüche im Arbeitsleben noch nicht vorhanden ist.

Ein illustratives Beispiel für die Denkmuster in der Berufswelt liefert eine in Österreich durch geführte IMAS- Untersuchung, bei der es darum ging, insgesamt 16 berufliche Tugenden nach ihrer Bedeutsamkeit einzustufen. Demnach verwiesen bei der Frage, wovon es in erster Linie abhängen soll, was ein Mensch im Beruf verdient, 59 Prozent auf die körperliche Schwierigkeit der Arbeit, 48 Prozent auf die geistige Schwierigkeit, lediglich 23 Prozent auf Anpassungsfähigkeit und Flexibilität.

Der Typus des in Ehren ergrauten Meisters hat als berufliches Idol noch längst nicht abgedankt, obwohl er eigentlich nicht mehr in die Zeit passt.


Methodik: Persönliche (face-to-face) Interviews, 2.000 Befragte,
statistisch repräsentativ für die deutsche Bevölkerung ab 16 Jahren. Quota-Auswahl.

Titelfoto von:
Ross Findon