Hände vor Gesicht

SCHATTEN ÜBER DER MEINUNGSFREIHEIT


IMAS-Report Nr. 4 /September 2017

Umfragebefunde mit demokratie-politischer Brisanz: Der Begriff  „Schweigende Mehrheit“ ist kein Trugbild, sondern eine statistische Realität – Fast die Hälfte der Bevölkerung hält es für ratsam, bei manchen politischen Problemen lieber den Mund zu halten, um nicht in ein schiefes Licht zu geraten.

Der diesjährige Wahlkampf trägt den Stempel der Langeweile. Über die Ursachen dafür gehen die Meinungen auseinander. Manche Beobachter führen das flaue Geschehen auf die extrem gute Wirtschaftslage und eine gewisse politische Trägheit einer durch den Wohlstand verwöhnten Wählerschaft zurück. Andere vermuten hinter der Langeweile die geringe Unterscheidbarkeit der bisherigen Regierungspartner in vielen Fragen der Außenpolitik. Beide Annahmen lassen sich jedoch empirisch nicht bestätigen. Plausibler ist dagegen die Hypothese der Allensbacher Professorin Renate Köcher, wonach Probleme, die sich aus dem krisenhaften Weltgeschehen ergeben, die Wahlkampfthematik überlagern und die ökonomischen Perspektiven im Inneren „fast rührend harmlos“ erscheinen lassen.

Aber da ist noch etwas ganz anderes, was als Einflussfaktor in Betracht gezogen werden muss, nämlich die Hemmung vieler Wähler, sich politisch zu deklarieren und die eigene Meinung ohne Scheu in die Diskussion einzubringen.

Das Münchner IMAS-Institut stieß in einer aktuellen Umfrage auf einen demokratiepolitisch erschreckenden Sachverhalt, der tiefe Schatten auf die Szene wirft:

  • Nur 40 Prozent der Deutschen vertreten die Überzeugung, man könne hierzulande frei und ungeschminkt darüber reden, wie man politisch steht und über die Dinge denkt;
  • Eine deutlich größere Gruppe von 48 Prozent gab zu Protokoll, es sei „bei manchen Problemen besser, den Mund zu halten, um nicht in ein schiefes Licht zu geraten“.

Bereits vor einem Jahr hatten Personen, die keinerlei Gesinnungszwang verspürten, nur ein relativ geringes Übergewicht von 45:35 Prozent gegenüber denen, die zur Zurückhaltung bei Meinungsäußerungen rieten. Inzwischen haben sich die Stimmengewichte in das Gegenteil verkehrt.

Tabelle 1

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Die Überzeugung, seine politischen Ansichten unbeschwert kundtun zu können, korreliert stark mit dem Alter. Demnach schwächt sich die Artikulationsbereitschaft mit der Zahl der Jahre kontinuierlich ab. Trotzdem überwiegt letztlich auch im jüngsten Segment der Bevölkerung (bei Personen unter 30) zumindest leicht das Gefühl, sich aus Vernunftgründen lieber bedeckt zu halten. Der in der politischen Diskussion bisweilen vernehmbare  Begriff „Schweigende Mehrheit“  ist jedenfalls kein Trugbild, sondern eine statistische Realität.

Tabelle 2

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Abgesehen von den demographischen Merkmalen hat das IMAS eine typologische Beschreibung vorgenommen indem es prüfte, welchen (von insgesamt 25) Personengruppen sich die politisch Redefreudigen und Vorsichtigen zuordnen. Wie sich zeigte, charakterisieren sich Deutsche, die zum politischen Schweigen tendieren, im Vergleich zur unbekümmerten Gegengruppe deutlich öfter als Heimatverbundene, Traditionsbewusste, Leute, die sehr an Deutschland hängen, außerdem Familienmenschen, Ordnungsliebende, Sicherheitsbedürftige und Bürgerliche. Allerdings – auch Angehörige der Arbeiterklasse neigen heutzutage zu politischer Vorsicht und sind zumindest bei bestimmten Problemen wenig bekenntnisfreudig.

Tabelle 3

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Der Eindruck, sich politisch nicht frei äußern zu können, hat, wie die Umfragebefunde belegen, eine nachteilige Wirkung für das Lebensgefühl der Menschen: Erwachsene, die den Eindruck haben, bei kritischen politischen Fragen besser den Mund zu halten, sind erheblich pessimistischer in der persönlichen Zukunftserwartung und in der des Landes. Nicht zuletzt sind sie zögerlicher, Deutschland als ein „Wohlfühlland“ zu bezeichnen als Personen, die sich nicht vor der Diskriminierung ihrer Ansichten fürchten.

Methodik:

Persönliche (face-to-face) Interviews, jeweils 2.000 Befragte,
statistisch repräsentativ für die deutsche Bevölkerung ab 16 Jahren. Quota-Auswahl.

 

Titelfoto von:

Elijah Hiett