Weihnachten: Für die Mehrheit eher altes Brauchtum als religiöses Fest

Imas-Report  7/Dez.2017

Es ist wieder so weit:  Die „Christenheit“  hält für ein paar Tage inne, um Weihnachten zu feiern.  Zeit der Besinnung, der Zuwendung, des Schwelgens im Privaten.  Die Rituale des  Festes mögen ähnlich sein, die Deutung ist es nicht.

Für die Mehrheit der Deutschen ist Weihnachten inzwischen eher ein altes Brauchtum, bei dem man nicht so an Religion denkt.  49 Prozent der rund 1.000 Befragten gaben das bei einer repräsentativen  IMAS-Umfrage im Dezember zu Protokoll (aus historischen Gründen besonders viele in Ostdeutschland).  Dagegen empfinden nur noch 38 Prozent Weihnachten in erster Linie als religiöses Fest.  Die übrigen sind sich nicht sicher. Vor nur fünf Jahren verhielt es  sich noch ziemlich genau umgekehrt:  damals sagten 47 Prozent der Befragten den IMAS-Interviewern:  ‘Weihnachten ist ein religiöses Fest‘,  38 von hundert  meinten damals,  es  sei  eher  ein  altes  Brauchtum.

Tabelle_Bedeutung von Weihnachten-Trend

Aus demoskopischer Sicht ist das ein sehr kurzer Zeitraum für einen so deutlichen Bewusstseinswandel, insbesondere auf der Ebene von Werten und Normen, die sich erfahrungsgemäß nur sehr langsam verändern.

Die Tendenz freilich entspricht dem seit vielen Jahren zu verzeichnenden Bedeutungsschwund der christlichen Glaubenspraxis hierzulande, wie er sich nach außen sichtbar in der stetig schrumpfenden Zahl von Kirchenmitgliedern und Mess-Besuchern dokumentiert.

Die rapide Profanisierung des Weihnachtsgedankens gerade in den letzten Jahren hat zweifellos ein ganzes Bündel von Ursachen im Themenkomplex der globalen, digitalen Transformation und ihre Folgewirkungen, die wir gegenwärtig durchleben. Diese atemberaubenden Veränderungen sind von schicksalhafter Dimension und haben für manche sogar die Qualität einer Art „Ersatz-Religion“. Jedenfalls aber sind sie Menschen-gemacht, bedürfen anscheinend  keines Gottes und finden keine religiöse Erklärung, zumindest nicht im herkömmlichen Auslegungs-Angebot,  das so gar nicht zum heraufziehenden Bild des „Raumschiffs Erde“  oder des „Globalen Gehirns“ Internet passen will.

In der Fluidität des globalen Wandels, der zu höchster Flexibilität, ständiger Neuorientierung, Anpassung,  zu einer  “Umwertung aller Werte“ (F. Nietzsche) zwingt, ‘verflüssigen‘ sich selbst  fundamentale Institutionen wie ‘Familie‘,  wirken althergebrachte Regeln und Normen sperrig und wie ‘aus der Zeit gefallen‘, erscheint jede Art von Dogmatik verzopft und kontraproduktiv.

Drastisch wird uns das auch anhand der Konfrontation mit dem radikalen Islam deutlich, dessen Praxis und Zielrichtung angesichts der Moderne geradezu ‘mittelalterlich‘ erscheint und geeignet ist, Religiosität als Lebensinhalt, unabhängig von der Konfession, zu diskreditieren.

Dass die Deutschen in den letzten Jahren dennoch wieder verstärkt auf der christlichen Prägung des Landes bestehen, wie die Kollegen vom IfD – Allensbach  jüngst in einer von der FAZ beauftragten Studie diagnostizierten, scheint vor diesem Hintergrund eher eine mentale Abwehrreaktion gegenüber der Vision eines islamischen Gottesstaates, denn als eine im christlichen Glauben wurzelnde Überzeugung.

Letztlich hat die Säkularisierung der Weihnacht, der „westliche“  Bedeutungsschwund des Religiösen ganz allgemein auch einen demographischen Grund: Mit den Eltern der sogenannten “Baby-Boomer“, den geburtenstarken Jahrgängen Ende der 50er-, Anfang der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts, scheidet nun die letzte Generation aus dem Leben, deren Existenz noch durch die traditionelle, quasi naturgesetzliche Abfolge von Erwachsenwerden, heiraten, Kinder kriegen, als  Familie zusammenleben,  gemeinsam alt werden geprägt wurde. Wie unzählige Generationen davor musste sie diesen Zyklus noch als unabänderlich, schicksalhaft, ‘von Gott gegeben‘ empfinden. (Bis mit Einführung der „Antibaby-Pille“, der Möglichkeit zur zuverlässigen Geburten-Kontrolle, Anfang der 1960er-Jahre plötzlich und erstmals in der Menschheitsgeschichte alles anders wurde – aber das ist ein anderes Kapitel).

Für diese Alterskohorte der heute weit über 70 Jährigen, hatte die „heilige Familie“ noch eine natürliche, schicksalhaft gelebte Bedeutung. Mit ihrem Schwinden reduziert sich automatisch auch der Anteil derjenigen, die Weihnachten als religiöses Fest begreifen. Mit dem Hinscheiden der Babyboomer selbst, werden jene weg sein, die christlich-traditionelles Familien- und Weltverständnis mehrheitlich noch in der Elternfamilie erlebt haben, mit ihren Kindern die letzten, denen noch davon erzählt wurde. Keine gute Prognose für die Kirchen und die Parteien, die dieses Weltverständnis im Namen tragen.

Tabelle_Bedeutung von Weihnachten nach Demo


Titel-Foto: Jad Limcaco