Die Sympathie mit Begriffen


Begriffe_BildIMAS-Polit-Report Nr. 4 /Juli 2016

Worte als Brandmelder in der Gesellschaft

Nichts, was wir denken, ist bekanntlich emotionsneutral; alles ist affektiv, gefühlsbezogen. In der Sympathie für bestimmte Worte und Begriffe spiegelt sich somit die Grundhaltung von Menschen zu den Problemen unserer Zeit. Davon ausgehend, hat das Münchner IMAS-Institut einem repräsentativen Querschnitt der Deutschen auf einer Liste verschiedene Vokabeln vorgelegt und gefragt, welche davon sympathisch klingen. Die Antworten geben interessante Einblicke in die politischen Denkmuster der Wähler und liefern Signale, die gerade jetzt, nach dem Votum der Briten gegen die EU nicht übersehen werden sollten.

Das mit Abstand beliebteste Schlüsselwort – von 67 Prozent der Bevölkerung genannt – ist „Sicherheit“. Hoch im Kurs stehen außerdem (mit Hinweisen von jeweils mehr als 50 Prozent) die Begriffe „Ordnung“, „Stabilität“ und „Heimatbewußtsein“. Im oberen Drittel der Nennungen findet man (mit Antworten zwischen 44 und 36 Prozent) überdies „Gleichheit“, „Arbeit“, „Selbständigkeit“ und „Internet“.

Rund jedem dritten Deutschen gefallen die Signalbegriffe „Westliche Welt“, „Sparen“ und „Christentum“. Nur mehr jeder Vierte reagiert zustimmend auf „Volksbefragung“, „Europäische Union“ und „Multikulturell“.

Alle übrigen abgefragten Begriffe befinden sich bereits in einem sehr kritischen Bereich des Öffentlichen Bewußtseins. Bestenfalls für ein Fünftel der Bevölkerung haben die Worte „Gwerkschaft“, “Medien“ oder „Willkommenskultur“ einen wohltuenden Klang. Noch eine weitere Stufe tiefer, in einer Spanne von 17-11 Prozent, liegen die lobenden Hinweise auf „Staat“, „Globalisierung“, „Werbung“, „Wahlkampf“, „Beamtentum“ und „Sozialismus“.

Von den restlichen Worten ist aufgrund des extrem geringen Lobes anzunehmen, daß sie bei der Masse der Bevölkerung beträchtliche Unlustgefühle auslösen. Nicht einmal jeder zehnte Erwachsene hat eine unbewußte Sympathie für die Begriffe „Streikmaßnahmen“ und „Genforschung“. Ganz am Schluß stehen (von allenfalls jedem 20. Deutschen zustimmend erwähnt), die Worte „Zuwanderung“, „Kapitalismus“, „Kernenergie“, „Islam“ und „Asylant“

Erinnerung an BREXIT

In den Befunden des Vokabeltests steckt eine unverkennbare gesellschaftspolitische Brisanz. Aufmerksamkeit verdient vor allem die praktisch nicht existente Sympathiewirkung aller jener Begriffe, die mit Zuwanderung und ethnischer Vielfalt zusammenhängen, also „Willkommenskultur“, „Islam“ und „Asylant“. Die gefühlsmäßige Ablehnung dieser Signalworte steht in einem diametralen Gegensatz zum Sympathiebündel „Sicherheit“, „Ordnung“, „Stabilität“ und „Heimatbewußtsein“. Was nachdenklich stimmt, ist überdies die äußerst
mäßige Sympathieanmutung des Begriffs „Europäische Union“ und die Tatsache, dass diese Bezeichnung auch in der jüngsten Altersgruppe (mit Hinweisen von 31 Prozent) keine nennenswerte Begeisterung auslöst. Das Syndrom dieser Erkenntnisse erinnert in fataler Weise
an das Öffentliche Bewußtsein in Großbritannien, das schließlich zum europäischen Elementarereignis Brexit führte.

Tabelle mit den Sympathiewerten von Begriffen